Alsacianité : Elsässische Tradition Alsacianitude : Elsässische Lebenseinstellung

(Par François Weiss) – Man kann natürlich sofort einwenden, dass es hier um Wortklauberei, um ein Streitgespräch oder um Haarspalterei gehe. Vielleicht! Aber wenn wir den Begriff „négritude“, den Léopold Sédar Senghor im Jahre 1934 geprägt hat, um damit das Spezifische der schwarzen Bevölkerung – vor allem psychologisch und kulturell – zu bezeichnen, klingt „alsacianitude“ schon akzeptabler. Ich möchte der „alsacianité“ (elsässische Tradition), ein Begriff der häufig gebraucht wird, um unsere spezielle regionale Wesensart zu bezeichnen, den Begriff der „alsacianitude“ (elsässiche Lebenseinstellung) zur Seite stellen. Die zwei Endungen -té und -tude haben mich bei einem Kolloquium über das Kreolische auf den Seychellen sensibilisiert, wo es um die Frage der „créolité“ und der „créolitude“ ging. Mit „créolité“ hat man das Spezifische dieser Zivilisation gemeint, mit Blick auf ihre Geschichte und dem festen Willen, sie zu erhalten gegen die zunehmende Dominanz der englischen Sprache, die das Französische verdrängt, obwohl es noch gleichermaßen offizielle Sprache ist wie das Kreolische und Englische. Der Ausdruck „créolité“ wurde mit einer Aura von Vergangenheit, mit Nostalgie, Rückzug und Identität verbunden. Ihm gegenüber stand der Begriff „créolitude“, der mit vollem Respekt gegenüber der Vergangenheit und ihrer speziellen Werte viel offener auf andere Kulturen und Zivilisationen blickt. Die „créolitude“ ist weniger ängstlich als die „créolité“, sie befürwortet den Austausch der Kulturen und nimmt Unterschiede und Veränderungen an. Sie ist gleichzeitig Hüterin einer reichen Tradition und verschließt sich nicht den Beiträgen anderer Zivilisationen und neuen Denk- und Handlungsmustern. „Bereichern wir uns an unseren Unterschieden“, hat Paul Valéry einst gesagt. So ähnlich könnte die Botschaft der „créolitude“ lauten.

Sie werden einwenden, dass das Elsass keine Insel im Indischen Ozean ist und wir keine drei offiziellen Sprachen haben wie die Seychellen, aber unsere einheimische Sprache – oder, wenn Sie wollen, unser Dialekt – ist stärker bedroht, als das Kreolische auf den Seychellen, denn leider sprechen die meisten jungen Eltern nicht mehr Dialekt mit ihren Kindern. Bei aller Ehre der „alsacianité“ denke ich, dass „alsacianitude“ unsere Lage besser definiert. Unsere „alsacianitude“, also unsere elsässische Lebenseinstellung, rechtfertigt sich durch unsere Zweisprachigkeit und unsere Zugehörigkeit zu zwei Kulturkreisen. Wir haben bereits diesen Zugang zu zwei Kulturen. Wir bewegen uns in zwei Denkarten mit zwei sich ergänzenden Aussichten und zwei Referenzrahmen. Wir betrachten die Welt nicht mehr mit ethnischer Brille, eindimensional und einsprachig. Unsere Zweisprachigkeit erweitert unser Blickfeld und macht uns offener für andere Sprachen und Kulturen. Und diese Zweisprachigkeit erleichtert auch den internationalen und den zwischenmenschlichen Kontakt.

Und dennoch: Versuchen wir gewisse Aspekte unserer „alsacianité“ hinter uns zu lassen, etwa den nostalgischen „ja friehjer isch alles andersch un besser gewan! oder den halsstarrigen „So sin mer un so welle mer bliewe“! Wir wollen nicht zu der Kategorie der „Rückständigen“ gehören. Wir wollen nicht zuschauen, wie unsere Mundart langsam verschwindet. Wir wollen uns nicht der vergeblichen Nostalgie gewisser Historiker hingeben, die die Vergangenheit glorifizieren und nicht akzeptieren, dass die Gegenwart anders aussieht, wie das Professor Taylor in der Einleitung zum „Manifest der Kommunistischen Partei“ ausdrückt: „Study of the past often turns into love of the past and a desire to keep it“ („Die Untersuchung der Vergangenheit schlägt häufig in Vergangenheitsliebe und den Wunsch um, sie zu erhalten“.). Und Karl Marx geht noch weiter, indem er diese konservative Geisteshaltung als Berufskrankheit der Historiker bezeichnet.

Was können wir tun? Natürlich müssen wir weiterhin unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger ermuntern, in allen Lebenslagen elsässisch zu sprechen und diese Bestrebungen zu unterstützen. Ich meine in der aktuellen Lage im Elsass können und müssen wir Alle mobilisieren, um die Zweisprachigkeit deutsch-französisch ab frühem Kindesalter sicherzustellen. Als Sprachwissenschafter und Lehrer bin ich vom pädagogischen und erzieherischen Wert dieser Maßnahme voll überzeugt. Versuchen wir die Eltern, die Gemeindebehörden und die Politiker von der positiven Auswirkung dieses Unterrichts zu überzeugen, damit auch unser Dialekt wieder ein höheres sprachliches, soziales und kulturelles Ansehen genießt. FW